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Bio-Kunststoffe: Verwertung in der Sackgasse

November 2007 - Das Interesse an Verpackungen aus Biokunststoffen wächst rapide. Kein Wunder - schon der Begriff lässt vermuten, dass solche Verpackungen von Natur aus umweltfreundlich sind. Ökobilanzen, die das belegen und internationalen Standards genügen, gibt es allerdings nicht. Auch weiß niemand so recht, wie solche Verpackungen in Zukunft gesammelt und verwertet werden sollen. In Kompostieranlagen sind sie unerwünscht und auch die Kunststoffverarbeiter winken dankend ab.
Noch wird in Deutschland nur ein verschwindend geringer Teil der Lebensmittelverpackungen aus Biopolymeren hergestellt. Doch bereits in drei Jahren sollen es 5 Prozent sein. Nach Prognosen der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) wären das etwa 110.000 Tonnen. Obwohl Biokunststoffe doppelt bis viermal so teurer sind wie herkömmliche Kunststoffe, übersteigt die Nachfrage die Produktionskapazitäten bei weitem. Biokunststoffe sind aber nicht nur wegen ihres positiven Öko-Images und steigender Ölpreise attraktiv. Auch die staatliche Förderung trägt ihren Teil dazu bei: Nach der Verpackungsverordnung müssen sich Kunststoffverpackungen aus biologisch abbaubarer Werkstoffen (BAW) bis 2012 nicht an einem Dualen System beteiligen und zahlen dementsprechend auch keine Entsorgungsgebühren. Jetzt sollen auch BAW-Getränkeflaschen bis zum 1. Januar 2010 pfandfrei bleiben.

Biotonne: Bioverpackungen als Fremdstoff aussortiert

Was aber passiert danach - wie sollen diese Verpackungen in Zukunft gesammelt und verwertet werden? Die Politik verschiebt die Antwort erst einmal auf die 6. Novelle der Verpackungsverordnung. Die Bio-Kunststoffbranche zeigt vor allem auf die Biotonne und bemängelt "abfallrechtliche Hemmnisse", die den Weg in die Biotonne versperren. Aber bereits heute ist klar: Biokunststoffe sind in Kompostieranlagen unerwünscht und werden von automatischen Sortiersystemen wie herkömmliche Kunststoffverpackungen erkannt und als Fremdstoff aussortiert. Die geplante Öffnung der Bioabfall- und Düngemittelverordnung für BAW-Verpackungen ändert an der kritischen Haltung der Kompostierungsbetriebe ebenso wenig wie der Hinweis auf positive Ergebnisse des 6 Jahre zurück liegenden "Kasseler-Modellversuchs". Die Bundesgütegemeinschaft Kompost (BGK) befürchtet, dass die Kompost-Qualität schlechter wird. Zum einen brauchen Biokunststoffe länger als andere Bioabfälle bis sie verrotten. Zum anderen wird mit einem höheren Anteil nicht kompostierbarer Verpackungen gerechnet, wenn die klaren Sortiervorgaben aufgeweicht werden. Der BGK spricht sich daher für eine separate Erfassung aus.

Weiterer Sack: Noch mehr trennen im Haushalt

Im gewerblichen Bereich wäre eine getrennte Erfassung von Bioverpackungen kein Problem. Einem weiteren haushaltsnahen Sammelsystem räumen Entsorgungsfachleute dagegen keine Erfolgschancen ein. Zu teuer und ineffizient lautet ihr Urteil. Der Trennaufwand für den ohnehin überforderten Verbraucher würde sich weiter erhöhen. Schon heute sei zu beklagen, dass in die gelben Tonnen zu viel Restmüll geworfen werde. Mit einem weiteren Sammelsystem würde die Sortierdisziplin eher schlechter als besser. Wo der Kompost eingesetzt werden soll, ist ebenfalls ungeklärt: Fachleute wie Wolfgang Beyer vom Umweltbundesamt sehen dafür keine Verwendung. Harald Käb, Vorstandsvorsitzender von European Bioplastics ist da flexibel: "Es müssen ja nicht alle Produkte unbedingt kompostiert werden". Auch eine stoffliche oder energetische Verwertung sei möglich.

Gelbe Tonne: Kunststoffrecycler schlagen Alarm

Eine Alternative wäre, die gelben Wertstofftonnen zu nutzen und BAW-Verpackungen auszusortieren. Selbst wenn man den technische Aufwand und die Kosten außer Acht lässt, die bei der Umstellung der Sortieranlagen auf neue Bio-Kunststoffsorten entstehen würden, bleibt ein Haken: Kunststoffe auf Basis von Polymilchsäure (PLA) haben fast die gleiche Dichte und ein ähnliches Infrarot-Spektrum wie andere thermoplastische Polyester-Werkstoffe (z.B. PET) und lassen sich daher mit herkömmlichen Sortierverfahren kaum voneinander trennen. PLA ist aber das Biopolymer, dem Experten das größte Marktpotential zutrauen. Es wird u.a. für Flaschen, Folien und transparente Verpackungen eingesetzt. Fast die Hälfte aller Biokunststoffe werden heute bereits aus PLA hergestellt. Verwerter von petrochemischen Kunststoffen sehen erhebliche Probleme auf sich zukommen: "Selbst kleinste Verunreinigungen mit PLA machen unsere Granulate unbrauchbar", erklärt Dr. Bentele, Geschäftsführer der ASK Recycling GmbH. Das Unternehmen stellt Regranulate für den Wiedereinsatz in PET-Flaschen her. Der eingesetzte Rohstoff stammt u.a. aus den Pfandautomaten. Noch ist das Thema nicht akut, da in Deutschland nur geringe Mengen PLA auf dem Markt sind. Anders würde es aussehen, wenn PLA-Getränkeflaschen bepfandet würden und diese zusammen mit anderen Kunststoffflaschen in den Automaten landen.

In England, wo sich die großen Supermarktketten heftige Öko-Marketing-Schlachten um die wachsende Zahl umweltbewusster Kunden liefern, hat der vermehrte Einsatz von BAW-Verpackungen und Tragetaschen bereits zu öffentlichen Reaktionen der Kunststoffverwerter geführt: Nach einem Bericht des Nachrichtendienstes EUWID hat das British Plastics Federation Recycling Council (BPF) Anfang Oktober 2007 von einer Vermischung von Biokunststoffen und petrochemischen Kunststoffen im Recyclingprozess gewarnt. "Dies könne zu einer beträchtlichen Störung des Recyclingprozesses sowie erheblichen Qualitätseinbußen des recycelten Kunststoffes führen", so der BPF.

Restmülltonne: CO2-Neutralität nur die halbe Wahrheit

Bleibt als letzte Option die Restmülltonne. Inzwischen sehen viele Branchenvertreter darin den einzig gangbaren Weg. Schützenhilfe erhalten sie von den Grünen, die in einem Bundestagsantrag die Anerkennung der energetischen Verwertung für Biokunststoffe fordern und dies als "echten Kreislauf" verkaufen. Argumentiert wird dabei mit der CO2-Neutralität. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Nur der Pflanzenrohstoff ist CO2-neutral, nicht die Verpackung. Anpflanzen, düngen und ernten sind ebenso wenig klimaneutral, wie die Herstellung der Granulate und der Packstoffe. Erst Ökobilanzen, werden zeigen, ob eine Verpackung, die aus Mais hergestellt wird und in der Müllverbrennung landet, ökologisch z.B. mit einer Kartonverpackung mithalten kann. Die wird ebenfalls aus einem nachwachsenden Rohstoff hergestellt und stofflich verwertet.

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Fachverband Kartonverpackungen für flüssige Nahrungsmittel e.V. (FKN)