Dr. Joachim Christiani: Getränkekartons sind hochgradig recyclingfähig nach ZSVR-Standard

Dr. Joachim Christiani vom Institut cyclos-HTP war maßgeblich an der Entwicklung des deutschen Standards zur Bewertung der Recyclingfähigkeit beteiligt. Dieser wird jährlich aktualisiert, mit dem UBA abgestimmt und von der Zentralen Stelle Verpackungsregister veröffentlicht. Im Interview erläutert er, wie er Verpackungen zertifiziert und erklärt die massiv gesteigerte Recyclingfähigkeit von Getränkekartons.

Dr. Joachim Christiani, Gründer und Geschäftsführer cyclos-HTP
Dr. Joachim Christiani, Gründer und Geschäftsführer cyclos-HTP

Herr Dr. Christiani, Sie zertifizieren Verpackungen und prüfen hierzu deren Recyclingfähigkeit. Wie genau erfolgt eine solche Zertifizierung?

Wir klassifizieren die Verpackung hierbei nach 10 Kriterien. Messlatte bildet jeweils die Konformität der Verpackungsgestaltung zu den Anforderungen der realen Recyclingprozessketten einer hochwertigen werkstofflichen Verwertung. Das fängt an bei der Sammlung, geht über Sortierung und Aufbereitung bis hin zur Rezyklat-Anwendung als Neuwareersatz. Im Gesamtergebnis steht eine Ziffer, die aussagt, wieviel hochwertiges Rezyklat aus der untersuchten Verpackung generiert werden kann.

Beim Getränkekarton ist z. B. eine zentrale Frage: Inwieweit lässt sich die Papierfaser abhängig von der Detailgestaltung in der Realität wieder aus der Verbundstruktur herauslösen? Konkret: Wieviel Prozent einer Papioerfaser werden beim Recycling zurückgewonnen und können zu neuen Produkten weiterverarbeitet werden.

Wie bewerten Sie die Recyclingfähigkeit von Getränkekartons und welche Rolle spielt dabei die neue Recyclinganlage der Palurec?

Der spezifische Recyclingpfad für Getränkekartons beginnt mit dem Gelbem Sack und der Gelben Tonne. In den Sortieranlagen existiert dann eine separate Sortierfraktion für den Flüssigkeitskarton. Die sortierten Kartons werden anschließend zu Ballen verpresst und in speziell ausgerüsteten Papierfabriken – in Deutschland gibt es 3 davon – gebracht. Dort wird der Kartonanteil zurückgewonnen und zu neuen Papierprodukten verarbeitet. Es gibt also eine flächendeckende Recyclinginfrastruktur. Beim Verpackungsdesign ist es wichtig, dass Getränkekartons in der automatischen Verpackungssortierung als Flüssigkeitskartons identifizierbar sind. Das gilt für die klassischen Ausführungen mit und ohne Aluminium aber ausnahmslos. Weil die Hersteller grundsätzlich auf die Zugabe von Nassfestmitteln bei der Kartonrezeptur verzichten, kann die Faser nahezu rückstandsfrei zurückgewonnen werden.

Das ergibt in Summe einer Recyclingfähigkeit in etwa in Höhe des jeweiligen Kartonanteils. Die LDPE-Folie, die Aluminiumfolie und das Ausgießer-/Kappenmaterial fallen in der Papierfabrik als Rückstand an, der zumeist bisher in der Zementindustrie als Ersatzbrennstoff verwertet wurde. Das wurde bisher nicht auf die Recyclingfähigkeit angerechnet. Die Palurec-Anlage trennt jetzt auch die Rejekte aus den Papierfabriken weitgehend und bereitet sie zur werkstofflichen Verwertung auf. Die ersten Ergebnisse dieser neuen Technologie sind nach meiner eigenen Anschauung vielversprechend. Ich rechne damit, dass für Getränkekartons in Standardausführung Recyclingfähigkeiten jenseits der 90-Prozent-Marke erreicht werden. Damit ist er nach ZSVR-Standard hochgradig recyclingfähig.“

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